Bildrechte: Theater Osnabrück

Hélène Cixous: Feministin, Theaterfrau (als Autorin und Dramaturgin von Ariane Mnouchkines legendärem Théâtre du Soleil) und eine der wichtigsten zeitgenössischen Intellektuellen in Frankreich, geboren in Oran, Algerien. Wie kommt es, dass so eine Autorin mit Werken wie „Osnabrück“, „Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem“ und „Benjamin nach Montaigne“ mehrere Bücher über Osnabrück verfasst hat? Die Antwort ist eine Geschichte einer komplexen Auseinandersetzung mit Erinnerung und dem eigenen Schreiben. Denn Cixous ist mit den Geschichten ihrer Mutter groß geworden, die als Eva Klein in Osnabrück aufwuchs, bis sie die Stadt 1930 verließ. Nach den Gräueln des Holocaust wollte die Mutter nie wieder nach Osnabrück zurückkehren, doch Mitte der 80er Jahre stimmte sie eine Einladung der Stadtverwaltung um. Es beginnt eine Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit von Vertreibung, vielschichtigen Identitäten und Mehrsprachigkeit, die bis heute anhält.
Das Theater Osnabrück macht nun diese Vielstimmigkeit in zwei Audiowalks hörbar, zwei Überschreibungen der Stadt per Tonspur. Jeder Audiowalk führt die Teilnehmer*innen auch an die in den Büchern erwähnten Erinnerungsorte in Osnabrück, die mit der Familie Cixous‘ in Verbindung stehen. So wird der kritische Blick auf eine Stadt eröffnet, die zugleich Heimat und Ausland ist und Osnabrück wird in einer sehr viel größeren Welt verortet, die von Paris bis nach Oran reicht.
Felicitas Braun, die sich schon länger mit Cixous’ „écriture féminine“ (dem weiblichen Schreiben) beschäftigt, inszeniert nun auch „Die Osnabrück-Bücher“. Unter den Titeln „Alles, was ich hier schreibe, ist vielleicht wahr“ und „So sehr sah ich, dass kein Schnee lag“ werden zwei unterschiedliche Routen angeboten. Beide Routen sind unabhängig voneinander und erzählen unterschiedliche Geschichten. Für die vollständigste Erfahrung geht man also am besten beide ab!
Die Routen sind kostenlos verfügbar über die App „DigiWalk“ – zunächst bis zum 11. Juli 2021, eine Wiederaufnahme in der Spielzeit 2021/22 ist geplant.